Geschichte des Gallus und Gutleut

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Gallus und Gutleut sind junge Stadtteile, auf alter Frankfurter Gemarkung entstanden und gehören nicht zu den vor einem Jahrhundert eingemeindeten Vororten. Die Bebauung begann im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts. Bis dahin wurde das Gebiet zwischen Main und Rebstock, den Wallanlagen und Griesheim landwirtschaftlich genutzt. Begütert waren die Frankfurter Patrizier, so die Familien Günderrode und Holzhausen (Virneburg, später Hellerhof), aber auch das Katharinenkloster (Rebstock) und die Stiftungen wie Armen- und Waisenhaus.

Das Gallus
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Galluswarte um 1930
Historische, namensgebende Mitte des Stadtteils ist die Galluswarte. 1414 wurde sie als erste der steinernen Warten Frankfurts im Zuge der zum Schutz der Frankfurter Gemarkung im späten Mittelalter angelegten Landwehr zwischen dem damaligen Gutleut- und Hellerhof erbaut. 1552 wurde die Warte erstmals zerstört und ihre Umgebung verwüstet, als protestantische Truppen das kaisertreue Frankfurt belagerten.Nach ihrem Wiederaufbau sicherte sie dann als "Galgen- oder Galluswarte" die Mainzer Chaussee, die heutige Mainzer Landstraße.

Wenige Schritte nördlich von ihr, beim kleinen Wolfssee, lag der Hellerhof, der 1279 als "Virneburger Hof" überliefert ist und 1433 in den Besitz von Jakob Heller dem Älteren, dem Onkel des bekannten Frankfurter Stifters, kam. Seit 1688 gehörter er dann der Familie Holzhausen.

Rings herum dehnten sich Felder aus: Nach Westen außerhalb der Landwehr lag das Hellerhöfer Feld. Ihm zur Seite nach Osten erstreckte sich das Rebstöcker Feld mit dem Hof Rebstock des Katharinenklosters, einem weiteren jener befestigten Höfe der Gemarkung. Zum Main hin dehnte sich das Gutleuthöfer Feld aus. Nach Osten bis an die Stadtmauer bei den heutigen Wallanlagen reichte das Galgenfeld. In seiner Mitte lag seit dem 14. Jahrhundert die Hochgerichtsstätte, der Galgen. Er gab dem Feld den Namen und damit auch der Warte, die zuvor Höchster, auch Mainzer Warte oder Warte bei den guten Leuten (in Anlehnung an den Gutleuthof) hieß.
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Bahnhofsviertel um 1860
Eine Zäsur wurde durch den Eisenbahnbau kurz vor 1850 eingeleitet. Drei Linien, die Taunus-, Main-Neckar- und die Main-Weser-Bahn unterbrachen die bisher bestehende landschaftliche Einheit und führten zu drei Personenbahnhöfen mit angeschlossenen Güterabfertigungen und Werkstätten. Hinzu kam 1863 die von Mainz kommende Hessische Ludwigsbahn, die den Main-Neckar Bahnhof mit nutzte. Die Anlage eines gemeinsamen Hauptbahnhofs, des Güterbahnhofs und des Ausbesserungswerks weiter westlich hat noch stärker in die Gemarkungen eingegriffen.

Mit der 1839 eröffenten Taunusbahn von Frankfurt nach Höchst und Wiesbaden, deren Trasse das Galgenfeld durchquerte, kündigte sich die neue Zeit an. Die Entstehung des Gallus als Verkehrs-, Industrie- und Wohngebiet setzte dann seit den 80ger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts mit den ausgedehnten Anlagen des Zentralsgüterbahnhofs und des Hauptbahnhofs ein.
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Adlerwerke um 1880
Als erster Industriebetrieb entstand westlich der Galluswarte 1885 die Eisengießerei Mayfarth & Co. Kurz darauf folgte Heinrich Kleyer mit seinen Adlerwerken, die erfolgreich Fahrräder, Automobile, Motorräder, Schreib- und Nähmaschinen produzierten. Die Bremsenfabrik von Alfred Teves schloß sich an. Am Güterbahnhof kamen später die Deutsche Privat-Telefongesellschaft Harry Fuld & Co. (Telenorma) hinzu und viele andere Unternhemen.
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Rupertshainer Straße
Für die Arbeiter und Angestellten - schon 1906 beschäfteten allein die Adlerwerke 3.000 Menschen - wurden anfangs in unmittelbarer Nähe ihrer Arbeitsplätze Mietshäuser gebaut, bald auf angrenzendem Gelände Siedlungen, vor allem auf dem Terrain des Hellerhofs. So entstand 1901-1904 die "alte" Hellerhofsiedlung mit ihren charakteristischen Doppelhäusern mit Backstein-Schmuckfassaden.
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Die Bewohner kamen weniger aus der Altstadt oder anderen Stadtteilen Frankfurts, sondern vor allem vom Lande. Die Entwicklung setze sich bis in die Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts fort. Schulen, Kirchengemeinden, Vereine, Kleingärten konnten keine über Jahrhunderte gewachsene Gemeinschaft entstehen lassen, aber doch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb einer im Kern vergleichbaren Bewohnerschaft.
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Hellerhofsiedlung um 1930
 Zwischen 1929 und 1936 wurde die Hellerhofsiedlung durch zeitgemäße, am Bauhausstil orientierte Wohnungen erweitert. Dieser Bauabschnitt entstand im Rahmen des Wohnungsbauprogrammes "Neues Frankfurt" auf Initiative des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und des Baustadtrates Ernst May. Es handelt sich dabei um ein frühes Beispiel für den modernen Wohnungsbau der späten 20er und frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts.


1929 bis 1932 entstanden etwa 1200 Wohnungen nach Plänen des niederländischen Architekten Mart Stam, überwiegend ausgestattet mit 2 1/2 Zimmern, Küche, Bad und Balkon bei einer Wohnfläche zwischen 43 und 48 Quadratmetern. Bemerkenswert ist die Erstausstattung der Wohnungen mit der "Frankfurter Küche", dem Vorläufer der modernen Einbauküche, die von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky gestaltet wurde. Die Einwohnerzahl des Stadtteils erhöhte sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf über 39.000.

Wohnhäuser Kelkheimer Straße
Zwischen den Gleisanlagen des Güter- und Hauptbahnhofs gelegen, litt die Bevölkerung des Gallus besonders stark unter dem Bombenkrieg. Menschen, die in notdürftig zu "Luftschutzräumen" umgebauten Kellern Schutz suchten, verbrannten, wurden von niedergehenden Trümmern erschlagen oder erstickten im Feuersturm. Darunter waren auch vielen Fremd- und Zwangsarbeiter sowie KZ-Häftlinge die in den Fabriken des Stadtteils, vor allem in den Adlerwerken, unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Bereits in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1940 forderte der Bombenkrieg die ersten Opfer. Es war der Erste Luftangriff auf Frankfurt überhaupt.



Wie es nach dem Zweiten Weltkrieg im Gallus aussah, lässt sich anhand einer von der "Hellerhof AG" erstellten Statistik erahnen: Rund 1.300 Hellerhof-Wohnungen hatten Teilschäden, 1.350 Wohnungen waren entweder völlig zerstört oder zumindest unbewohnbar. Ganze sechs Wohnungen in der Siedlung hatten den Krieg unbeschädigt überstanden. Die Bevölkerung war auf unter 28.000 gesunken. Die Zeit bis Mitte der Sechziger stand denn auch im Zeichen des Wiederaufbaus des von Wohnungen und der Instandsetzung der Versorgungsdienste im Stadtteil.
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Das Gutleut

Gutleuthof um 1825
Wie das Gallus, so war auch das Gutleutviertel bis zum Ende des Neunzehnten Jahrhunderts kein strukturierter Stadtteil, sondern eine landwirtschaftlich genutzte Fläche vor den Toren Frankfurts. Der dort gelegene, 1283 erstmals als "Leprosenhof" erwähnte Gutleuthof war ein landwirtschaftlicher Wehrhof, der auch als Lepra-Spital diente.

Hier wurde Leprakranken Unterkunft, Verpflegung sowie Behandlung gewährt. Die Lepra war im 13. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. Gegründet worden war der Gutleuthof von einer Bruderschaft, die auch der benachbarten Galgen- oder Galluswarte ihren ersten Namen ("Warte zu den guten Leuten") gab.

Im Jahr 1801 vernichtete ein Feuer fast den ganzen Hof; Scheune, Branntwein-Brennerei und das Herrenhaus bis auf den ersten Stock wurden zerstört. In der Folgezeit hatte das Gebäude wechselnde Besitzer. 1870 löste die Waisenhausstiftung die Erbpacht des Allgemeinen Almosenkastens für 70.000 Gulden ab, verkaufte den Hof aber bereits drei Jahre später für rund 2,1 Millionen Goldmark an die Hessische Ludwigsbahn weiter.

1940 erwarb die Getränkefirma Jöst den Hof und legte dort 1952 einen "Frankfurter Weinberg" an. Mit ihrem Konkurs im Jahre 1971 gab sie den Hof auf. Dieser wurde daraufhin von einer Tochter der Neuen Heimat ersteigert, blieb aber ungenutzt. 1978 wurde der verfallene Gutleuthof trotz Protesten aus der Bürgerschaft und des Ortsbeirates abgerissen. Ein Jahr später kaufte die Stadt Frankfurt das Gelände für rund 11 Millionen DM, um dort die Werner-von Siemens-Berufsschule zu bauen, die 1980 eingeweiht wurde.

Gutleutkaserne um 1960
1877 wurde für das 1. Kurhessische Infantrie-Regiment Nr. 81 die Gutleutkaserne, das heutige Wahrzeichen des Stadtteils errichtet. nach der Nutzung durch die Wehrmacht wurde die Kaserne im Jahre 1945 von der US Army requiriert. Die Amerikaner nutzten das Areal bis 1977. Im Jahre 1985 renovierte man die Backsteinfassade der Kasserne und legte dabei Wappen und Hoheitszeichen im Haupttor wieder frei.

Nach fünfjähriger Umbauzeit wurde aus dem ehemaligen Militärbau und dem dahinter gelegenen Gelände ein Behördenzentrum mit Grünanlage für die Bewohner des Stadtteils. Heute sind dort unter anderem die Finanzämter Frankfurts, das Amt für Straßen- und Verkehrswesen sowie das Hessische Landesarbeitsgericht untergebracht.


Die Geschichte des Gallus im Film